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Christbaumversteigerung in der „Post „
zu Walchensee am 6.Jan. 1900
aus „ Die Gartenlaube“ Nr. 7 von 1900.
Original in „Friedhelm Oriwol - Stiftung

Christbaumversteigerung in der „Post“ zu Walchensee

 

Der Dreikönigstag ist ein hohes Fest am Walchensee . Das hat auch im Jahre 1900 bereits eine kleine Gesellschaft von Reiselustigen festgestellt , die mitten im Winter aus dem molligen Behagen in der Stadt München ins wilde bayerische Hochland aufbrachen .

In der Zeitschrift „ Die Gartenlaube „ Nr. 7 von 1900 erschien ein Artikel mit Bildern dieser Reise „ Eine Winterfahrt ins Gebirge“ von J. C. Heer , aus dem nachfolgend, nach 104 Jahren , ein Auszug dieses Berichtes ( die Zeitschrift befindet sich im Archiv der Friedhelm Oriwol - Stiftung ) wiedergegeben wird :

„ In der Dämmerung gleiten über den See her Kahn um Kahn , Straße herauf , Straße herunter kommen mit klingendem Spiel Schlitten gefahren , und als wäre es Markt , so füllen sich die Stuben des Gasthauses zur „Post“ mit festlichem Volk aus der weiten Runde , selbst vom Starnberger See im Unterland und von den Grenzdörfern Tirols .

Bei der lustigen Musik zweier ländlicher Geiger sitzen die verwetterten Bauern aus dem Wald breit und stämmig an den Tischen , neben ihnen prahlen die kecken Burschen , die den grünen Filz mit dem Gemsbart oder der Feder des Spielhahns geschmückt haben und das reiche Uhrgehänge spielen lassen; die Mädchen , mit Troddelhut und weißem buntgeblümten Mieder , senken ihre Blitzaugen schämig in den Schoß, und in die Ecke gedrängt recken schaulustige Kinder die Köpfe.

Die fröhliche Gesellschaft trank Bier ; die einen kauften es in Humpen , die anderen gleich in Fässchen , und nun kam , was die Männer und Frauen nach Walchensee gelockt: die Kerzen eines zimmerhohen Christbaums , der mit Nüssen , Äpfeln , Heringen , ländlichem Backwerk und allerlei Figürchen behangen war erflammten neben einem mit etwa 150 Gaben besetzten Tisch.

Bauern und Burschen drängten sich um die Lose feilbietende Wirtin , die Thaler, 5 – und 10 Markstücke flogen ihr zu , und im Nu waren die fünfzehnhundert Nummern mit ihren vielen Nieten und wenigen Treffern vergeben. Ein Ausrufer , der seine Rede mit allerlei Humor und Witzen auf Ledigsein und Ehestand würzte und lustige Schnacken auf Engländer und Buren losließ , verteilte die Gaben , deren kostbarste ein Kruzifix unter einer Glasglocke war. Unendlicher Jubel , wenn einem zierlichen Dirndl eine Tabakspfeife zufiel , ein klobiger Holzhauer eine rosafarbene Mädchenschleife erhielt und als der mit schwärmerischen Augen und dunklen Dichterlocken im langen Frack einherschwebende würdige Postsekretär von Walchensee ein Zwillingspaar von Puppen zum Geschenk bekam. Doch ist zu sagen , daß die meisten Gaben dem Bedürfnis der Leute im Wald trefflich angepasst waren und ein Stück nützlichen Hausgerätes bildeten.

Am höchsten stiegen Kauflust und Stimmung der Burschen und Bauern , als der redegewandte Auktionator Zweig um Zweig von dem großen Christbaum schnitt und zur Versteigerung brachte. Jeder wollte den Seinen daheim , der Mutter , Schwester oder Geliebten , als Gruß vom Dreikönigstag in Walchensee ein geschmücktes Aestchen mit ein paar Kerzen , mit ein paar goldenen Nüssen und einem kleinen Wachsengel bringen , und wie groß dabei der Eifer war , lehrten uns die missbilligenden Blicke als wir, die Fremden , einige Zweige für das Wirtschaftsgesinde erstanden und daß selbst der leergeplünderte Stamm des Baumes von einem Bauer , noch mit fast 5 Mark ersteigert wurde. Der Christbaum auf der „Post „ zu Walchensee ist eben der einzige gesellige Anlaß , der das einsame Winterleben der Bauern im Hochland festlich unterbricht.

Gern hätte sich nun die Gesellschaft dem Tanzvergnügen hingegeben ; doch erlebten wir die späte Nachtstunde nicht mehr , wodurch die Heimfahrt einzelner Gäste Raum für den Schuhplattler wurde.

Am Morgen um 9 Uhr aber , als wir wieder in die Wirtsstube traten , saß noch eine ganze Schar Bauern und Burschen trinkfest an den Plätzen , die sie am Abend schon eingenommen haben; und einer der Musikanten schlug die Guitarre und blies dazu kunstgerecht eine Mundharmonika.

Behüt` Euch Gott , ihr trinkbaren Männer , und dich , liebliches Walchensee. „

Anmerkung Friedhelm Oriwol :

Den Versteigerungserlös erhielten Bedürftige der umliegenden Ortschaften.